Demurrage und Detention als Kostenfaktor der Containerlogistik
Optimierung der Containerlogistik zur Minimierung von Demurrage- und Detention-Gebühren durch präventives Fristenmanagement und klare Haftungsabgrenzung.
In der harten Realität des globalen Seehandels entscheiden oft wenige Stunden über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg einer gesamten Import- oder Exporttransaktion. Das Schreckgespenst der Demurrage (Überliegegeld) und Detention (Containerstandgeld) lastet schwer auf den Bilanzen von Verladern und Empfängern. Was als kalkulierbarer Transport beginnt, endet im echten Leben nur allzu oft in einer Kostenexplosion im Hafen, wenn Container aufgrund bürokratischer Hürden, fehlender Dokumente oder Überlastungen im Terminal feststecken. Diese Gebühren sind keine bloßen Verwaltungskosten; sie sind als Verzugsschaden konzipiert und können innerhalb weniger Tage den Warenwert der Ladung erreichen oder gar überschreiten.
Die Verwirrung in der Branche rührt primär daher, dass die Begriffe Demurrage und Detention häufig synonym verwendet werden, obwohl sie rechtlich und operativ völlig unterschiedliche Zeiträume und Verantwortlichkeiten abdecken. Während Demurrage die Zeit betrifft, in der der volle Container im Terminal steht, bezieht sich Detention auf die Zeit außerhalb des Hafens bis zur Rückgabe des leeren Equipments. Beweislücken bei der Übergabe, unklare Klauseln in den Konnossementsbedingungen und inkonsistente Praktiken der Reedereien führen regelmäßig zu hitzigen Streitigkeiten darüber, wer für Verzögerungen durch Zollbeschauen, Streiks oder IT-Ausfälle haftet.
Dieser Artikel klärt die rechtlichen Standards und die ökonomische Logik hinter diesen Standgeldern. Wir analysieren die Beweislogik zur Abwehr unberechtigter Forderungen, den praktischen Ablauf zur Vermeidung von Engpässen und die tiefgreifenden juristischen Abwägungen, die Gerichte bei der Beurteilung von “unverschuldetem Verzug” anstellen. Durch detaillierte Szenarien und die “Narrativa de Justificação” bieten wir eine umfassende Orientierung, um teure Standgelder im Hafen effektiv zu umgehen und die prozessuale Sicherheit im Seerecht zu erhöhen.
Zentrale Präventionsmaßnahmen gegen unkontrollierte Kostensteigerungen:
- Frühzeitige Dokumentenprüfung: Vollständigkeit von Handelsrechnung, Packliste und Ursprungszeugnis mindestens 72 Stunden vor Ankunft des Schiffes sicherstellen.
- Pre-Clearance-Verfahren: Nutzung der digitalen Vorabanmeldung beim Zoll, um physische Standzeiten im Terminal auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.
- Aushandlung von “Free Time”: Individuelle Vereinbarung verlängerter kostenfreier Zeiträume direkt bei der Buchung, besonders bei bekannten Engpässen im Zielhafen.
- Transparente Rückgabeprotokolle: Dokumentation der Rückgabe des Leercontainers mittels EIR (Equipment Interchange Receipt) zur Abwehr fälschlicher Detention-Forderungen.
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Letzte Aktualisierung: 10. Februar 2026.
Schnelldefinition: Demurrage bezeichnet die Gebühr für die Nutzung des Hafenterminals und des Containers über die vereinbarte Free Time hinaus, während Detention die Kosten für die verspätete Rückgabe des Leercontainers an das Depot der Reederei nach dem Verlassen des Hafens abdeckt.
Anwendungsbereich: Importeure, Exporteure, Spediteure und Logistikdienstleister, die im internationalen Containertransport agieren und für die rechtzeitige Abwicklung der Containerbewegung verantwortlich sind.
Zeit, Kosten und Dokumente:
- Kosten: Täglich gestaffelte Sätze zwischen 50 und 500 Euro pro Container, oft progressiv steigend nach Ablauf der ersten Woche.
- Essenzielle Dokumente: Delivery Order, Bill of Lading (Konnossement), EIR-Berichte, Zollfreigabebescheinigungen, Terminal-Gate-Pass.
- Fristen: Die “Free Time” beträgt im Standard oft nur 3 bis 7 Tage für Demurrage und ebenso für Detention; danach beginnt die automatische Gebührenrechnung.
Punkte, die oft über Streitigkeiten entscheiden:
Further reading:
- Wann genau begann die Bereitstellung des Containers durch die Reederei?
- War die Verzögerung durch “höhere Gewalt” (Force Majeure) oder Versäumnisse des Terminals begründet?
- Existiert eine schriftliche Vereinbarung über verlängerte Freizeiten im Rahmen von Rahmenverträgen (Service Contracts)?
Schnellanleitung zur Vermeidung von Standgeldern
- ETA-Monitoring: Den Schiffsstatus und die tatsächliche Ankunft (ATA) stündlich überwachen, um den Slot für die Abholung sofort nach Freigabe zu nutzen.
- Kapazitäten sichern: LKW-Transporte und Lagerkapazitäten bereits Tage vor der Ankunft fest buchen, da Engpässe beim Fuhrpark die häufigste Ursache für Detention sind.
- Kommunikationsfluss: Alle Beteiligten (Zollagent, Spediteur, Lagerhaus) in einer zentralen Informationskette halten, um Wartezeiten bei der Dokumentenübergabe zu eliminieren.
- Protokollierung: Jeden Versuch der Containerabholung oder -rückgabe, der am Terminal scheitert (z.B. wegen Systemausfall), sofort schriftlich bestätigen lassen.
Demurrage und Detention in der maritimen Praxis verstehen
Um die Logik hinter diesen Gebühren zu durchdringen, muss man sie als Steuerungsinstrumente der Reedereien begreifen. Container sind mobiles Anlagevermögen; sie verdienen nur Geld, wenn sie in Bewegung sind. Demurrage dient dazu, den Terminalplatz schnellstmöglich für neue Ladung zu räumen, während Detention sicherstellen soll, dass das Equipment schnell wieder für den nächsten Export zur Verfügung steht. In der juristischen Praxis werden diese Gebühren oft als pauschalierter Schadenersatz gewertet. Der Streit entzündet sich meist an der Frage, ob der Schuldner die Verzögerung zu vertreten hat oder ob die Reederei ihrerseits die Abwicklung behindert hat.
Besonders kritisch ist die Phase der Zollbeschau. Wenn der Zoll einen Container für eine physische Prüfung auswählt, steht das Rad der Logistik oft still. Die Reederei verlangt dennoch Demurrage, da ihr das Equipment während der Prüfung nicht zur Verfügung steht. Hier greift die “Obhutshaftung” des Empfängers. Er trägt das Risiko für hoheitliche Maßnahmen, es sei denn, im Frachtvertrag wurde explizit eine Klausel für solche Fälle vereinbart. Die Herausforderung für den Importeur besteht darin, die Beweishierarchie zu wahren und nachzuweisen, dass er alle Mitwirkungspflichten zeitgerecht erfüllt hat.
Rechtliche und praktische Wendepunkte im Streitfall:
- Prüfung der Konnossementsbedingungen: Sind die Standgeldsätze klar definiert und wurden sie bei Vertragsschluss wirksam einbezogen (AGB-Prüfung)?
- Nachweis der Bereitstellung: Konnte der Container physisch abgeholt werden oder war das Terminal blockiert (Terminal Congestion)?
- Zurechenbarkeit von Fehlern: Liegt der Fehler beim Zollagenten, beim Transporteur oder bei der Reederei selbst (z.B. falsche Datenübermittlung im Port Community System)?
- Schadenminderungspflicht: Hat der Empfänger nachweislich versucht, die Verzögerung durch Alternativmaßnahmen (z.B. Umfuhr in ein Zolllager) zu begrenzen?
Rechtliche Blickwinkel, die das Ergebnis verändern
Ein oft unterschätzter Faktor ist die rechtliche Natur der Gebühren im jeweiligen Gerichtsstand. Im deutschen Seerecht nach HGB wird genau unterschieden, ob es sich um “Überliegegeld” im Rahmen einer Reisecharter oder um Standgelder im Linienverkehr handelt. Gerichte prüfen streng, ob die progressiven Steigerungen der Sätze eine Strafcharakter haben, was unter Umständen zur Unwirksamkeit der Klausel führen kann. Entscheidend ist oft die “Ready for Delivery”-Meldung der Reederei. Wenn diese Meldung erfolgt, obwohl der Container noch tief im Stapel verborgen und unerreichbar ist, beginnt die Free Time rechtlich gesehen noch nicht zu laufen.
Mögliche Wege zur Lösung für die Beteiligten
Bei massiven Verzögerungen sollte nicht auf das Ende der Krise gewartet werden. Die aktive Verhandlung einer Pauschalabgeltung (Settlement) noch während der laufenden Standzeit ist oft erfolgreicher als der Versuch, die Rechnung im Nachhinein anzufechten. Spediteure können zudem durch “Street Turns” (direkte Weitergabe des Containers von einem Importeur zu einem Exporteur ohne Rückführung ins Depot) Detention-Kosten vermeiden, bedürfen hierfür aber der ausdrücklichen Genehmigung der Reederei, um die Haftungskette nicht zu unterbrechen.
Praktische Anwendung zur Kostenkontrolle in realen Fällen
Die Vermeidung von Standgeldern erfordert eine sequenzielle Vorgehensweise, die bereits lange vor der Ankunft des Schiffes beginnt. Jeder Schritt muss dokumentiert sein, um im Falle einer späteren rechtlichen Auseinandersetzung die notwendige Beweiskette vorlegen zu können.
- Analyse der Vertragsbedingungen: Abgleich der im Booking bestätigten Free-Time-Tage mit den tatsächlichen Anforderungen der Entladestelle und der Zollabwicklung.
- Vorab-Dokumenten-Audit: Überprüfung aller Originale auf Konsistenz (Warenbezeichnung, Gewichte, HS-Codes), um Korrekturen während der Liegezeit zu vermeiden.
- Slot-Management: Buchung der Abholtermine im Terminal-System unmittelbar nach der Freigabe (“Clearance”) durch Zoll und Reederei.
- Echtzeit-Tracking: Überwachung der Container-Bewegung vom Gate-Out bis zum Gate-In am Leercontainer-Depot zur Vermeidung von Detention-Überschreitungen.
- Beweissicherung bei Hindernissen: Screenshots von Fehlermeldungen in Terminal-Portalen oder Bestätigungen über gesperrte Terminals sofort sichern und an die Reederei senden.
- Finales EIR-Management: Archivierung des Rückgabeprotokolls mit Zeitstempel und Bestätigung des unbeschädigten Zustands des Containers.
Technische Details und relevante Aktualisierungen
Moderne Port Community Systeme (PCS) und die Digitalisierung der Frachtbriefe (eBL) haben die Prozesse beschleunigt, bergen aber auch neue technische Risiken. Ein Systemfehler bei der Übermittlung der Freistellung (Release) kann dazu führen, dass ein LKW vor verschlossenen Toren steht, während die Demurrage-Uhr unerbittlich tickt. In solchen Fällen ist die schnelle Klärung der “technischen Verantwortlichkeit” entscheidend für die spätere Kostenübernahme.
- Mitteilungspflichten: Der Empfänger muss die Reederei unverzüglich informieren, wenn Hindernisse bei der Abholung auftreten, um seiner Schadensminderungspflicht nachzukommen.
- Detaillierungsgrad der Abrechnung: Reedereien müssen pro Container nachweisen, wie sich die Gebühren zusammensetzen (Tagessätze, Anfangs- und Enddatum).
- Unterscheidung “Carrier Haulage” vs. “Merchant Haulage”: Bei Carrier Haulage (Reederei organisiert den Vor-/Nachlauf) trägt die Reederei meist das Risiko für Verzögerungen beim Transport, was Detention-Kosten oft ausschließt.
- Folgen bei Zahlungsverweigerung: Reedereien machen häufig von ihrem Pfandrecht an der Ware Gebrauch und verweigern die Herausgabe weiterer Container, bis die Standgelder bezahlt sind.
Statistiken und Szenario-Analyse
Analysen globaler Logistikketten zeigen, dass über 30% aller Containerladungen die ursprüngliche Free Time überschreiten. Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich jedoch in klare Muster einteilen, die für eine proaktive Risikoanalyse genutzt werden können. Es handelt sich hierbei um Durchschnittswerte aus Szenario-Studien großer Seehäfen.
Hauptursachen für Demurrage- und Detention-Kosten:
35% – Dokumentationsfehler und verspätete Zollfreigaben.
25% – Mangel an verfügbaren LKW-Kapazitäten für den Abtransport.
20% – Terminal-Überlastungen und operative Verzögerungen im Hafen.
20% – Interne Prozessverzögerungen beim Warenempfänger (Lager voll).
Effizienzsteigerung durch präventives Management (Vorher/Nachher):
- Durchschnittliche Standzeit im Terminal: 6,5 Tage → 3,2 Tage (durch Pre-Clearance).
- Quote der Detention-Vorfälle: 18% → 4% (durch aktives Slot-Monitoring).
- Kostenreduktion bei Standgeldern pro TEU: ca. 250 € → 45 € (durch optimierte Rückgabe-Logistik).
Überwachungspunkte für das Logistik-Controlling:
- “Dwell Time” (Verweildauer) pro Terminal und Reederei.
- Verhältnis von vereinbarter zu tatsächlich genutzter Free Time.
- Durchschnittliche Dauer der Zollbeschau pro Warenkategorie.
Praxisbeispiele für Standgeld-Eskalationen
Erfolgreiche Abwehr wegen Terminalfehlers:
Ein Importeur konnte nachweisen, dass das Terminal-System über drei Tage hinweg keine Termine für die Abholung seines Containers zuließ, obwohl die Ware freigestellt war. Screenshots der Fehlermeldungen dienten als Beweis für das Unvermögen der Gegenseite. Die Reederei musste die für diesen Zeitraum berechnete Demurrage in voller Höhe stornieren.
Kostenfalle bei fehlendem Ursprungszeugnis:
Ein Container stand 12 Tage im Hafen, weil das Original-Ursprungszeugnis per Kurier verloren ging. Der Zoll verweigerte die Freigabe. Da der Fehler im Verantwortungsbereich des Versenders lag, musste der Importeur die Demurrage von 3.200 Euro zunächst bezahlen und konnte diese später nur mühsam als Schadenersatz beim Lieferanten regressieren.
Häufige Fehler bei der Standgeld-Vermeidung
Verwechslung von Demurrage und Storage: Storage-Gebühren werden vom Terminalbetreiber für den Platz erhoben, Demurrage von der Reederei für den Container. Beide laufen oft parallel und summieren sich.
Mangelnde Abstimmung mit dem Spediteur: Die Annahme, der Spediteur würde die Free Time automatisch überwachen, führt oft zu bösen Überraschungen bei der Endabrechnung.
Ignorieren von Feiertagen: Free Time zählt oft Kalendertage, nicht Arbeitstage. Wochenenden und lokale Feiertage im Zielhafen können die nutzbare Zeit drastisch verkürzen.
Fehlende schriftliche Bestätigung von Free-Time-Zusagen: Mündliche Versprechen von Sales-Mitarbeitern der Reedereien werden bei der automatisierten Abrechnung oft ignoriert, wenn sie nicht im System hinterlegt sind.
FAQ zu Demurrage und Detention
Wer ist rechtlich für die Zahlung von Standgeldern verantwortlich?
In der Regel ist der Vertragspartner der Reederei, also derjenige, der im Konnossement (Bill of Lading) als Empfänger (Consignee) oder Absender (Shipper) eingetragen ist, primär zahlungspflichtig. Die Reedereien sichern sich durch Klauseln ab, die eine gesamtschuldnerische Haftung vorsehen. Das bedeutet, wenn der Empfänger die Zahlung verweigert, kann die Reederei versuchen, die Kosten beim Absender einzutreiben. In der Praxis wird die Reederei jedoch zuerst von ihrem Pfandrecht an der Ware Gebrauch machen und diese erst nach Zahlung der ausstehenden Gebühren freigeben.
Rechtlich interessant wird es, wenn ein Spediteur zwischengeschaltet ist. Hier kommt es darauf an, ob der Spediteur im eigenen Namen (“as carrier”) oder im Auftrag des Kunden gehandelt hat. Bei ADSp-Verträgen haftet der Spediteur oft für eine sorgfältige Organisation, aber nicht automatisch für externe Verzögerungen durch den Zoll oder das Terminal. Der Kunde muss sich bewusst sein, dass Standgelder als notwendige Auslagen des Spediteurs gelten, die er diesem erstatten muss, sofern der Spediteur kein Verschulden an der Verzögerung trägt. Die klare vertragliche Regelung der Verantwortlichkeiten im Vorfeld ist daher essenziell.
Zählen Wochenenden und Feiertage zur Free Time dazu?
Dies ist einer der häufigsten Irrtümer in der Logistikplanung. Standardmäßig definieren Reedereien Free Time als Kalendertage (Running Days), nicht als Werktage. Das bedeutet, Samstage, Sonntage und gesetzliche Feiertage werden voll mitgezählt. Wenn ein Container am Freitagnachmittag ankommt und die Free Time drei Tage beträgt, beginnt die kostenpflichtige Phase bereits am Montagmorgen. Da viele Zolldienststellen und Lagerhäuser am Wochenende geschlossen sind, reduziert sich die faktisch nutzbare Zeit für die Abwicklung oft auf ein kritisches Minimum.
Es gibt jedoch Ausnahmen bei individuellen Service-Verträgen für Großkunden, in denen “Working Days” vereinbart werden können. Zudem ist entscheidend, wie das Terminal operiert. Wenn das Terminal am Wochenende geschlossen ist und somit eine Abholung physisch unmöglich macht, argumentieren viele Juristen, dass die Demurrage für diese Zeit ausgesetzt werden muss (Prinzip der Unmöglichkeit). Dennoch stellen Reedereien diese Tage oft automatisch in Rechnung, und der Importeur muss sie mühsam reklamieren. Eine genaue Prüfung der Tarifbestimmungen auf der Webseite der jeweiligen Reederei vor der Verschiffung ist daher dringend anzuraten.
Wie kann ich Demurrage vermeiden, wenn der Zoll den Container beschaut?
Eine Zollbeschau (physische Prüfung) ist ein hoheitlicher Akt, auf den der Importeur kaum Einfluss hat, für dessen zeitliche Folgen er aber gegenüber der Reederei meist voll haftet. Um die Kosten zu minimieren, sollte sofort nach Bekanntgabe der Beschau die “Sondernutzung” des Containers beantragt werden. In einigen Häfen gibt es die Möglichkeit, die Ware in ein spezielles Zolllager (Bonded Warehouse) umzufahren, um den Container der Reederei leer zurückzugeben, während die Zollprüfung der Ware separat fortgesetzt wird. Dies vermeidet Detention, verursacht aber zusätzliche Umfuhrkosten.
Ein weiterer Weg ist die proaktive Bereitstellung aller notwendigen Hilfsmittel für die Beschau (z.B. Personal zum Entladen, Gabelstapler). Je schneller die Prüfung abgeschlossen ist, desto geringer das Risiko, die Free Time zu überschreiten. Juristisch gesehen ist die Beschau ein “allgemeines Lebensrisiko” des Händlers. Nur wenn nachgewiesen werden kann, dass der Zoll aufgrund falscher Informationen der Reederei (Manifest-Fehler) tätig wurde, besteht eine Chance, die Kosten bei der Reederei zu regressieren. Eine saubere Dokumentation der Zollkommunikation ist hier der Schlüssel zur späteren Schadenersatzforderung.
Kann ich Standgelder verweigern, wenn die Reederei ein technisches Problem hat?
Ja, wenn die Reederei oder ihr Erfüllungsgehilfe (das Terminal) die rechtzeitige Abholung oder Rückgabe schuldhaft verhindert, besteht kein Anspruch auf Standgeld für diesen Zeitraum. Ein klassisches Beispiel ist ein IT-Ausfall bei der Reederei, der die Erteilung der Delivery Order verhindert, oder ein Streik des Terminalpersonals. In der Beweislogik muss der Importeur jedoch nachweisen, dass er zur Abholung bereit und fähig war (“ready, willing and able”) und nur durch das Hindernis auf Seiten der Reederei gestoppt wurde.
In solchen Fällen ist es entscheidend, sofort eine schriftliche Rüge (Protest) an die Reederei zu senden. Ein einfacher Anruf beim Kundenservice reicht nicht aus. Screenshots von Fehlermeldungen im Buchungssystem oder schriftliche Bestätigungen von LKW-Fahrern über verweigerte Zufahrten sind unverzichtbare Beweismittel. Reedereien versuchen oft, sich auf Klauseln zu berufen, die die Haftung für Systemausfälle ausschließen, aber im Bereich der Demurrage-Berechnung ist die Rechtsprechung meist auf Seiten des Kunden, da man für eine Leistung (Bereitstellung), die man physisch nicht erbringt, kein Entgelt verlangen darf.
Was ist ein “Street Turn” und wie hilft er gegen Detention?
Ein Street Turn (auch Triangulation genannt) ist ein hocheffizientes Logistikmanöver, bei dem ein Leercontainer nach der Entladung beim Importeur nicht zurück zum Hafendepot gefahren wird, sondern direkt zu einem Exporteur in der Nähe geschickt wird, um dort neu beladen zu werden. Dies spart nicht nur Transportkosten, sondern setzt die Detention-Uhr für den ersten Importeur sofort auf Null, sobald der Container beim Exporteur eintrifft. Es ist eine klassische Win-Win-Situation zur Vermeidung von Leerfahrten und Standzeiten.
Allerdings darf ein Street Turn niemals eigenmächtig durchgeführt werden. Die Reederei muss dem Manöver zustimmen, da sie wissen muss, wer zu welchem Zeitpunkt die Verantwortung für das Equipment trägt. Meist wird hierfür eine geringe Gebühr erhoben, die jedoch deutlich unter den potenziellen Detention-Kosten liegt. Ohne die offizielle Umbuchung im System der Reederei würde der ursprüngliche Importeur weiterhin als Inhaber des Containers geführt werden, und die Gebühren würden zu seinen Lasten weiterlaufen, selbst wenn der Container längst bei einer anderen Firma steht.
Können Standgelder höher sein als der Warenwert?
Theoretisch und leider auch praktisch: Ja. Es gibt Fälle, in denen Ladung aufgrund von Rechtsstreitigkeiten oder fehlenden Genehmigungen monatelang im Hafen steht. Da Standgelder oft progressiv steigen (z.B. 100 € für die ersten 5 Tage, dann 200 € usw.), kann die Gesamtsumme schnell fünfstellige Beträge erreichen. Wenn der Warenwert gering ist (z.B. bei Schüttgut oder minderwertigen Recyclingstoffen), übersteigen die Gebühren bald den Erlös aus dem Verkauf der Ware. Dies führt oft dazu, dass der Empfänger die Ware “aufgibt” (Abandonment).
Die Aufgabe der Ware entbindet den Empfänger jedoch nicht automatisch von der Zahlungspflicht für die bis dahin aufgelaufenen Gebühren. Die Reederei wird versuchen, die Ware zu versteigern, um die Kosten zu decken, und den Restbetrag beim Auftraggeber einklagen. In solchen Extremszenarien ist die frühzeitige Verhandlung über eine Kostenkappung (Cap) die einzige Rettung. Gerichte prüfen in diesen Fällen oft das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, aber der Grundsatz “pacta sunt servanda” (Verträge sind einzuhalten) wiegt im Seerecht sehr schwer, was die Bedeutung der Prävention unterstreicht.
Gibt es Unterschiede bei den Standgeldern zwischen Import und Export?
Ja, die Dynamik und die Risiken sind unterschiedlich. Beim Import liegt das Risiko primär in der Zeit zwischen der Ankunft des Schiffes und dem Verlassen des Hafens (Demurrage) sowie der Rückgabe des Leercontainers (Detention). Beim Export beginnt das Risiko oft schon früher: Wenn der leere Container zu früh am Lager des Exporteurs abgeholt wird und dann aufgrund von Schiffsverspätungen zu lange voll im Hafen steht, bevor das Schiff beladen wird. Hier spricht man oft von “Export Demurrage”.
Exporteure müssen darauf achten, dass sie den Container erst kurz vor dem “Closing”-Termin des Schiffes im Hafen anliefern. Wenn das Schiff verspätet ist, gewähren viele Reedereien zusätzliche Free Time, aber das ist keine Automatik. Auch hier ist die Wahl des richtigen Incoterms entscheidend. Bei “FOB” (Free on Board) trägt der Verkäufer die Kosten bis zum Schiff, was auch potenzielle Standgelder im Abgangshafen einschließt. Eine genaue Abstimmung zwischen Produktion, Verpackung und Schiffsfahrplan ist für Exporteure daher die wichtigste Maßnahme zur Kostenkontrolle.
Was ist die “Storage Charge” und wie unterscheidet sie sich von Demurrage?
Die Storage Charge (Lagergeld) wird vom Terminalbetreiber für die Nutzung der physischen Fläche im Hafen erhoben. Demurrage hingegen wird von der Reederei für die Nutzung des Containers berechnet. Obwohl beide Gebühren den gleichen Zeitraum (den Aufenthalt im Hafen) betreffen, haben sie unterschiedliche Gläubiger. In vielen Häfen werden diese Kosten getrennt ausgewiesen. In anderen Häfen zieht die Reederei das Lagergeld im Namen des Terminals mit ein (Merged Demurrage & Storage).
Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil die Free-Time-Regelungen voneinander abweichen können. Es kann vorkommen, dass die Reederei 7 Tage Free Time für den Container gewährt, das Terminal aber schon nach 3 Tagen Lagergeld berechnet. Verlässt man sich nur auf die Info der Reederei, übersieht man die Kostenfalle des Terminals. In Hochbetriebsphasen oder bei Platzmangel erhöhen Terminals ihre Storage-Sätze oft kurzfristig, um den Druck zur Räumung zu erhöhen. Eine umfassende Kostenplanung muss daher immer beide Komponenten einzeln betrachten.
Hilft eine Transportversicherung gegen Standgelder?
Standardmäßig: Nein. Eine normale Warentransportversicherung deckt physische Schäden an der Ware (z.B. durch Unfall oder Nässe), aber keine reinen Vermögensschäden durch Verzögerungen oder Standgelder. Solche Kosten werden als “Delay”-Schäden eingestuft und sind in den gängigen Bedingungen (z.B. ICC oder DTV-Güter) explizit ausgeschlossen. Der Grund dafür ist, dass Verzögerungen oft im operativen Bereich liegen und nicht auf einem versicherten Unfallereignis beruhen.
Es gibt jedoch Spezialversicherungen oder Zusatzklauseln (“Demurrage & Detention Cover”), die in bestimmten Fällen einspringen, zum Beispiel wenn die Verzögerung durch einen versicherten Unfall des Transportschiffes oder einen Brand im Terminal verursacht wurde. Für die meisten Standard-Verzögerungen (Zoll, LKW-Mangel) gibt es jedoch keinen Versicherungsschutz. Hier hilft nur ein robustes Risikomanagement und eine finanzielle Rückstellung für unvorhersehbare Logistikstörungen. Standgelder sind somit ein direktes unternehmerisches Risiko, das durch organisatorische Exzellenz minimiert werden muss.
Wie verhalte ich mich bei einer unberechtigten Demurrage-Rechnung?
Der erste Schritt ist der sofortige, schriftliche Widerspruch (“Notice of Dispute”) an die Reederei, noch bevor die Rechnung fällig ist. Man muss detailliert darlegen, warum die Berechnung fehlerhaft ist, zum Beispiel durch den Nachweis einer längeren Free-Time-Zusage oder den Beweis eines Hindernisses im Terminal. Man sollte niemals die gesamte Rechnung einfach ignorieren, da dies zur Sperrung des Kundenkontos und zum Festhalten weiterer Ladung führen kann. Oft empfiehlt es sich, den unstrittigen Teil zu zahlen und nur den strittigen Betrag zurückzuhalten.
In der Beweislogik ist man als Importeur in der Bringschuld. Man muss Dokumente wie EIR-Belege, Gate-Protokolle oder Screenshots aus dem PCS vorlegen. Wenn die Reederei hart bleibt, kann die Einschaltung eines spezialisierten Anwalts für Seerecht sinnvoll sein, besonders wenn es um systematische Fehler geht. Viele Streitigkeiten lassen sich durch eine “Commercial Solution” lösen, bei der die Reederei aus Kulanz auf einen Teil der Gebühren verzichtet, um die Geschäftsbeziehung nicht zu gefährden – vorausgesetzt, man kann einen glaubwürdigen Sachverhalt präsentieren.
Referenzen und nächste Schritte
- Audit der aktuellen Logistikkette: Prüfung der durchschnittlichen Verweildauer Ihrer Container in den letzten 12 Monaten zur Identifikation systematischer Schwachstellen.
- Verhandlung von Service-Contracts: Einbindung fester Free-Time-Zusagen in Ihre Rahmenverträge mit Reedereien oder Speditionen.
- Implementierung von Tracking-Tools: Nutzung digitaler Plattformen zur Echtzeit-Überwachung von Milestones (ETA, Clearance, Gate-Out).
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Rechtliche Grundlagen und Rechtsprechung
Die rechtliche Einordnung von Demurrage und Detention stützt sich in Deutschland maßgeblich auf das Handelsgesetzbuch (HGB), insbesondere auf die §§ 496 f. (Überliegezeit und Überliegegeld) im Rahmen des Seefrachtrechts. International sind die Bedingungen der Reedereien entscheidend, die meist dem englischen Recht unterliegen und eine weitreichende Vertragsfreiheit genießen. Die Rechtsprechung des BGH betont regelmäßig, dass solche Gebührenklauseln der Inhaltskontrolle nach AGB-Recht unterliegen und nicht unangemessen benachteiligend sein dürfen.
Wegweisende Urteile befassen sich häufig mit der Frage der “Verzögerung durch Dritte” (z.B. Zoll oder Terminal) und der Zurechenbarkeit zum Empfänger. Autoritätszitate finden sich in den Veröffentlichungen der FIATA und der BIMCO, die Standardformulierungen für Charterpartien und Konnossemente bereitstellen. Offizielle Informationen zu Hafenbetriebsordnungen und Tarifen können bei den jeweiligen Hafenbehörden (z.B. Hamburg Port Authority) oder unter hafen-hamburg.de eingesehen werden. Der rechtssichere Umgang mit diesen Gebühren erfordert eine ständige Beobachtung der aktuellen Jurisprudenz im internationalen Seehandelsrecht.
Abschließende Betrachtung
Demurrage und Detention sind keine Schicksalsschläge, sondern kalkulierbare Risiken, die durch präzise Logistikplanung und rechtssichere Vertragsgestaltung beherrschbar bleiben. In einem Marktumfeld, das von zunehmender Volatilität und Kapazitätsengpässen geprägt ist, wird die Fähigkeit zur schnellen Containerumfuhr zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Standgelder im Hafen sind das teuerste Symptom für Brüche in der Informationskette; ihre Vermeidung beginnt daher nicht erst am Kai, sondern bereits am Schreibtisch des Einkäufers und Logistikers.
Letztlich zeigt die Erfahrung, dass technische Exzellenz in der Zollabwicklung und eine proaktive Kommunikation mit allen Dienstleistern die wirksamsten Schilder gegen Kostenexplosionen sind. Wer seine Free Time aktiv managed und bei Hindernissen sofort die notwendige Beweissicherung einleitet, schützt nicht nur seine Marge, sondern auch seine Reputation im globalen Handel. In der Welt des Seerechts gilt mehr als irgendwo sonst: Zeit ist Geld, und Dokumentation ist die einzige Währung, die im Streitfall wirklich zählt.
Zentrale Kernpunkte zur Kostenvermeidung:
- Begriffs-Klarheit: Demurrage ist Hafenzeit, Detention ist Außenzeit – planen Sie für beide Phasen getrennt.
- Proaktives Clearing: Starten Sie die Zollabwicklung, sobald das Manifest im Hafen-System gemeldet ist.
- Beweislast-Umkehr: Sichern Sie bei Terminalproblemen sofort Belege, um die Gebührenpflicht auszusetzen.
- Überprüfen Sie bei jeder Buchung die Anzahl der gewährten Free-Time-Tage in den “T&Cs” der Reederei.
- Installieren Sie ein Warnsystem (Alerts), das 24 Stunden vor Ablauf der Free Time eine Benachrichtigung sendet.
- Führen Sie bei unklaren Gebührenrechnungen immer ein detailliertes Widerspruchsverfahren durch.
Dieser Inhalt dient nur der Information und ersetzt nicht die individuelle Beratung durch einen qualifizierten Rechtsanwalt oder Experten.

